Kreativität: Ist sie die Eingebung einer Muse oder entsteht sie nur durch die kreative Tätigkeit selbst? Brauchen wir einfach nur einen Haufen Talent oder ist Kreativität Handwerkskunst? Und warum wohnen Musen immer unter der Dusche?

Kreativer Alltag

Ich sitze vor einem Blogartikel und komme nicht weiter. Die Sätze formulieren sich nicht von alleine, mir fällt nichts Gescheites zum Thema ein, der Rücken schmerzt. Grantig und genervt verlasse ich den Höllenschlund, der sich Schreibtisch nennt. Ich stelle mich unter die Dusche und plötzlich fallen mir zehn neue Blogartikel, der Plot eines Romans und mein erster Online-Kurs ein. Panisch, weil sich die genialen Geistesblitze ja sonst in Luft auslösen, springe ich aus der Dusche und rutsche auf den Fliesen aus.

Ich schleppe mich zum Schreibtisch, um die Gedanken aufzuschreiben. Nachdem ich mich abgetrocknet und die wunden Knie mit Pflastern beklebt habe, kehre ich zurück und schaue auf den handgeschriebenen Zettel. Weil meine Geistesblitze so schnell aus meinem Hirn flossen, kann ich das Gekritzel nicht lesen, mir ist zum Heulen.

Moment, einer der Geistesblitze kehrt zurück, ich hüpfe aufgeregt auf und ab, notiere mir alles auf dem Laptop. Weil er mittlerweile Methusalems Alter erreicht hat, hängt er sich auf. Ich schreie, schmeiß das Ding über den Balkon und am nächsten Tag beginnt der Spaß von vorne.

Von Musen und anderen Hirngespinsten

Anscheinend wohnt meine Muse in der Shampooflasche wie Dschinni in der Lampe.

Muss ich jetzt 5 Mal am Tag duschen, damit ich kreativ arbeiten kann? Gibt es Musen überhaupt?

Vor allem im deutschsprachigen Raum hält sich das Gerücht hartnäckig, dass kreative Tätigkeit kein erlerntes Handwerk ist, sondern eine Aneinanderreihung von Talent und genialen Geistesblitzen. Ein Überbleibsel aus der Sturm-und -Drang-Zeit?

Goethe und der Rest der Stürmer und Dränger hatten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts keinen Bock mehr auf die knorrigen Regeln von Johann Christoph „Literaturpapst“ Gottsched und anderen Regelpoetikern. Die Regeln für Literatur waren zur Zeit der Aufklärung enger geschnürt als die Korsette der Damen.

Erfahrung und Empfindung waren für die Stürmer und Dränger wichtiger als Regeln. Ein künstlerisches Werk entsteht durch Spontanität, Gefühle und Fantasie. Mehr braucht es nicht.

Diese pubertäre Phase der Literatur hielt nicht lange an. Nach 20 Jahren war Schluss mit reinem Empfinden. Die Geniezeit verschwand so rasch, wie ein Geistesblitz kommt.

Regeln vs. Freiheit

Ich habe noch nie getöpfert. Wenn ich mich jetzt vor die Töpferscheibe setze, weil mich die olle Muse geküsst hat, entsteht sicher keine Gmundner Keramik. Es käme eine undichte Kloschüssel für Katzen dabei heraus.

Der Unterschied zwischen leckendem Katzenklo und Handwerkskunst seit 1492 ist, dass ich das Töpferhandwerk nie gelernt habe. Wir müssen die Regeln des Handwerks von Grund auf lernen. Brechen können wir sie später immer noch.

Wenn nicht die Musen verantwortlich sind für unsere Kreativität, wer ist es dann? Warum sind wir kreativ?

Früher habe ich diese Aussage von Autoren immer belächelt: „Ich schreibe, weil ich schreiben muss!“

Hält euch jemand eine Pistole an den Kopf und schreit: „Schreib, oder ich schieße!“? Ich habe es nicht kapiert.

Mittlerweile verstehe ich, was es mit dem Müssen auf sich hat: Es ist unsere Art mit den fantasievollen Stimmen in unseren Köpfen umzugehen (sind das jetzt die Musen?!).

Kreativität: Eine Palette voller Gefühle

Am kreativsten fühle ich mich als Autorin, wenn ich diesen Stimmen Leben einhauche und sie aus meinem Kopf auf ein Blatt Papier oder den PC-Bildschirm transportiere. Wir erschaffen ganze Welten aus dem Nichts, nur dank unserer Vorstellungskraft.

Das Schöne an der kreativen Arbeit ist, dass wir die gesamte menschliche Gefühlspalette erleben: Angst (*grübel, grübel, ich kann das nicht*), Ärger (*Laptop aus dem Fenster schmeiß*), Freude (*Kapitel beendet, ohne dass es schrecklich ist*). Trauer (*Warum musste ich John in dem Kapitel umbringen? Er war so ein guter Kerl*) …

Und wenn die Kreativität mal weg ist? Wenn du vor einer Mauer stehst, höher als der Everest, und du nicht drüber klettern kannst? Was machst du? Holst du die Panzerfaust und schlägst so lange auf die Mauer ein, bis sie bröckelt oder kehrst du ihr für einen Moment den Rücken zu?

Tough love oder self-care?

Autor Chuck Wendig hat sich die Frage gestellt, wann es angebracht ist, zu schreiben, auch wenn der kreative Tank leer ist, und wann es besser ist, die Arbeit wegzulegen und sie für einige Zeit nicht anzusehen.

Ich lese ihn oft: Den Rat, gefälligst jeden Tag zu schreiben, sonst wird das nix mit der Schreiberei, kannst deinen Laptop gleich wieder zuklappen. Egal was ist, du setzt dich hin und schreibst JEDEN TAG!!! IMMER WETIER, IMMER WEITER, OHNE AUSNAHME!!!!!

Vertreter dieses Ansatzes haben ja nicht unrecht. Wir lernen das Scheiben nur, wenn wir es machen. Learning by doing. Aber jeden Tag, selbst wenn wir Fieber haben, kotzen und uns ein Arm abfällt?

Das Gegenstück zum Immer-Weiter-Klub ist die Wird-Schon-Fraktion: Hey, immer locker bleiben. Kreativität kommt und geht und wenn ich an 364 Tagen im Jahr nix schreibe und am letzten Tag einen ganzen Roman, ist doch alles gut.

Niemand kann einen Roman an einem Tag schreiben.

Aufgaben aufschieben hat einen Namen: Aufschieberitis oder Prokrastination. Sie taucht meistens auf, wenn wir Angst haben.

Ich prokrastiniere oft bei besonders wichtigen Aufgaben oder wenn ich Neues versuche. Mein Reptiliengehirn hält mir rote Stopptafeln vors Gesicht und eine laute Stimme schreit: „Halt, stopp, Gefahr, Gefahr! Bloß nicht weiter gehen!“

Ich putze nie meine Fenster. Es ist eine durch und durch sinnlose Pflicht. Aber wehe ich stelle mich vor eine neue Herausforderung: Meine Fensterscheiben funkeln wie Swarovski-Kristalle.

Balance im kreativen Prozess

Was also tun? Streng sein und immer schön durch die Mauer durch, bis der Schädel explodiert oder mehr Achtsamkeit mit sich selbst, auch wenn das heißt, eine Deadline zu verschieben?

Die Mischung macht’s. Manchmal ist das Durchbrechen der Mauer ein Befreiungsschlag. Wir haben uns der Herausforderung gestellt und sind siegreich vom Schlachtfeld gezogen.

Ein anderes Mal ist der Tank so leer, dass die Tankanzeige auf null steht. Nichts geht mehr. Dann ist es jetzt halt so. Auf den eigenen Körper hören ist auch eine Kunst, das sollten wir alle öfter tun.

In einer perfekten, kreativen Welt erwischen wir jeden Tag ideal. Wir sind ausgeschlafen, ernähren uns makellos, treiben genug Sport aber nicht zu viel, halten exakte Pausen ein, niemand stört uns … Wir werden so einen Tag nie erleben. Trotzdem sind wir Kreativen im Stande, Großartiges zu leisten.

Was bedeutet Kreativität für dich? Was machst du, wenn sie mal weg ist? Schreibe es in die Kommentare!

Der Beitrag ist im Rahmen der Blogparade zum Thema Kreativität entstanden.