Autoren. Sie warten Tage, Wochen, Monate bis sie eine hübsche Muse küsst und sie den nächsten Bestseller schreiben. Dabei sitzen sie Tag und Nacht voll Freude tippend vor dem Bildschirm und können gar nicht aufhören. Es flutscht und flowed, bis sie ihr vollendetes Werk in den Händen halten und sie sich in ihrer eigenen Brillanz baden. Bullshit.

Manchmal gibt es die Momente des Flows. Aber oft ist Schreiben anstrengend, frustrierend und zum Haare raufen. Die Selbstzweifel expandieren schneller als das gesamte Universum und Autoren fragen sich, wann sie sich endlich den Mordphantasien am Laptop hingeben. Wie wird er sterben? Ein Schubser über das Balkongeländer oder doch der Vorschlaghammer? R.I.P.

Aber wenn es so Gehirn zermarternd ist, warum schreiben Autoren eigentlich?

Warum wir Autoren schreiben müssen

Viele Autoren verkünden: „Ich schreibe, weil ich schreiben muss!“ Hab ich nie kapiert. Heißt das, dass Schreiberlinge ohne Tastaturklopfen tot umfallen? So wie Jason Statham in Crank? Oder dass ihnen ein imaginäres Männchen eine Pistole ans Gehirn hält und brüllt: „Schreib, oder ich schieße!“. Was hat es mit dem Müssen auf sich?

Dann habe ich selbst die Laptoptastatur malträtiert und nach einer Weile begriffen, warum wir schreiben müssen.

Der eigene Sigmund Freud

Zum einen schreiben viele von uns, um die tausend Stimmen in unseren Köpfen zu beruhigen. Wir können nicht einschlafen, weil unser Gehirn rattert wie ein alter Opel. Aufstehen, ein Blatt Papier nehmen und die Gedankenflut aufschreiben. Wir lassen die Stimmen sprechen. Wie das Denkarium in Harry Potter ziehen wir uns die Gedanken aus dem Schädel und legen sie ab. Aus so einem kleinen Gedankenfetzen kann ein ganzer Roman entstehen.

Zum anderen lernen wir uns mit der Schreiberei besser kennen. Therapeutisches Schreiben wird in der weiten Welt der geistigen Gesundheit eingesetzt, um Ängste oder Traumata zu überwinden. Gedichte, Tagebuch schreiben, Geschichten erfinden. So viele Autoren haben winzige und bombastische seelische Schmerzen verarbeitet. J.R.R. Tolkien schrieb sich die Gräuel des Ersten Weltkriegs von der Seele. Er nahm an einer der brutalsten Schlachten teil und sah seine Kameraden sterben.

Ein Beispiel aus meiner eigenen Tastaturklopferei. Meine Geschichten drehen sich oft um das Thema Tod. Mir war am Anfang nicht bewusst warum, aber dank der Schreiberei ging mir ein Licht auf. Da ich weder an Gott noch an ein Leben nach dem Tod glaube, fällt es mir bis heute schwer, zu akzeptieren, dass ich eines Tages von einer Sekunde auf die andere nicht mehr existieren werde. Deshalb kommt der Sensenmann in all seinen Formen immer wieder zurück zu meinen Texten.

Masochistische Obsession

Neben der Selbsttherapie gibt es noch einen weiteren, vielleicht wichtigeren Grund, warum wir schreiben müssen. Wir kehren immer wieder zum Computer, der Schreibmaschine oder einem Blatt Papier zurück, egal wie oft wir scheitern.

Sagt unser Gehirn: „Du bist nicht gut genug, du kannst nicht schreiben, hör besser auf“, glauben wir das für eine Weile. Beweise? Eine unsere Kurzgeschichten hat es wieder nicht in Zeitschrift XY geschafft. Der Blogartikel, der nichts aussagt. Oder der erste Entwurf eines Romans, bei dem plötzlich kein Wort mehr passt. Jede Abfuhr schmerzt und jeder negative Gedanke ist in der Sekunde die einzig gültige Wahrheit.

Das Schreiben ist eine masochistische Obsession. Wie der Lover, der einen mies behandelt und man trotzdem seine Nähe sucht. Wir glauben unserem Gehirn den ganzen negativen Mist, es ist ja gescheiter. Wir hören auf zu schreiben. Für eine Stunde oder einen Tag oder eine Woche.

Und dann kehren wir wieder zurück. Zum Schreibtisch, zu einem Text oder einem einzigen Wort. Zurück zum ermordeten Laptop, für den wir eine Träne verdrücken.

Die Lösung

Nach der Enttäuschung kommt das „Ich muss es beim nächsten Mal besser machen“. Jedes Mal. Wir starten einen neuen Versuch bis wir einen Weg aus dem Labyrinth finden, in das wir uns selbst hinein geschrieben haben. Jetzt gibt unser Schädel keine Ruhe, bis wir eine Lösung gefunden haben.

Und ab und zu befinden wir uns im Flow. Diesem seltsamen Zustand, bei dem das Herz rast, als hätten wir Amphetamine genascht. Wir schreiben schneller als das Licht, vergessen zu trinken und zu pinkeln, heben nicht ab, wenn das verdammte Telefon klingelt. Atme ich noch?

Und dann beginnt der Zirkus von vorne.