Wenn du vorm Telefonieren so viel Bammel hast wie vor einer Matheprüfung oder du dich auf einer Party auf den Mond wünschst, bist du wahrscheinlich introvertiert. Und so jemand soll selbstständig sein? Ja, wir sollen. Wenn du deine Persönlichkeit akzeptierst und ein paar Dinge beachtest, kannst du auch als leiser Mensch erfolgreich introvertiert und selbstständig sein.

Extravertierte Menschen scheinen perfekt für die Selbstständigkeit gebaut worden zu sein. Sie sind aufgeschlossen, lieben neue Herausforderungen und Smalltalk ist für sie so simpel wie Zähneputzen.

All das bin ich nicht.

Ich bin zurückhaltend, denke lange nach, bevor ich handle, und hasse Smalltalk mehr als Rosinen (Ernsthaft, wer hat seichtes Labern und schrumplige Weintrauben erfunden?!).

Ich bin introvertiert, wie eine Menge anderer Menschen auch. Vor allem in den Bereichen Selbstständigkeit und Marketing herrscht die Vorstellung, dass wir das lieber den Extravertierten überlassen.

Aber stimmt es, dass Introvertierte nicht fürs eigene Business geeignet sind? Oder müssen wir uns verstellen? Und warum telefonieren wir so ungern?

Introvertiert vs. Extravertiert

Carl Gustav Jung, Begründer der Analytischen Psychologie, führte die Begriffe introvertiert und extravertiert 1921 ein. Sie sind die Basis vieler Persönlichkeitsmodelle und -tests (z.B. der Myers-Briggs-Typenindikator).

Die Bezeichnung introvertiert leitet sich von den lateinischen Wörtern intro (dt. hinein) und vertere (dt. wenden) ab. Extravertiert stammt von den lateinischen Wörtern extra (dt. außerhalb) und vertere.

Der Kernunterschied zwischen Introvertierten und Extravertierten ist, dass sie äußere Reize unterschiedlich verarbeiten.

Introvertierte sind empfindlich gegenüber diesen Reizen. Prasseln zu viele auf sie ein, kommt es zu einer Reizüberflutung. Deshalb ziehen sich sie sich zurück, um nicht noch mehr davon abzubekommen.

Extravertierte haben eine höhere Toleranzgrenze. Reize laugen sie nicht so schnell aus und sie holen sich ihre Energie davon.

Introvertierte sind auf die innere Welt ausgerichtet, Extravertierte auf die Außenwelt.

Allerdings ist das Paar introvertiert-extravertiert eine Skala und niemand steht zu 100 % auf der einen oder anderen Seite.

Egal ob Extraversion oder Introversion: Beide Eigenschaften haben Stärken und Schwächen, keine ist besser oder schlechter. Trotzdem hadern viele Introvertierte mit ihrer Persönlichkeit.

Ich habe mir meine leise Art auch oft weggewünscht: „Bitte, bitte, es soll doch eine Fee vom Himmel schweben und mich in eine ewig gesellige Bosslady verwandeln.“ Vor allem, wenn mal wieder jemand gesagt hat: „Du bist so unnahbar. Rede mehr, tau doch mal auf.“ Ich bin dankbar, dass die Fee nie gekommen ist, denn heute sehe ich meine zurückhaltende Art als Stärke.

Stärken von Introvertierten

Introvertierte hören gut zu und sind empathisch

Introvertierte beobachten lieber andere Menschen, als sich selbst in Szene zu setzen. Wir hören gut zu und versetzen uns in unsere Kunden hinein. Als introvertiertes Geschöpf schätzt du eine enge, persönliche Zusammenarbeit und findest öde Arbeit wie vom Fließband zum Kotzen. Du behandelst weder Kunden noch deine Arbeit oberflächlich, sondern liebst es, in die Tiefe zu tauchen.

Deshalb sind viele introvertierte Autoren. Wir können nur gute Geschichten schreiben, wenn wir uns mit den Figuren identifizieren und sie zum Leben erwecken. Wenn wir nicht mit unseren Charakteren mitfühlen, wie sollen es dann die Leser?

Introvertierte haben Ideale und überschätzen sich nicht

Wir verschwenden Zeit nicht mit sinnlosen und belanglosem Krimskrams. Etwas machen, weil man’s halt so macht oder weil’s einen Haufen Kohle bringt oder weil’s der Chef anschafft — nein danke.

Introvertierte hinterfragen Vorgänge und folgen nicht blind einer Masse. Wir sind nicht spontan oder impulsiv, sondern denken 50 Mal nach bis wir handeln.

Introvertierte überlegen, bevor sie sprechen

Flashback Schule: Es hat Zeiten gegeben, da war die sogenannte Mitarbeit bei mir nicht gut. Mitarbeit = Hand zu einer Fragestellung heben und seinen Senf dazu geben. Ich habe lieber vorher überlegt, ob meine Antwort oder Wortmeldung sinnvoll ist oder gequatschter Blödsinn. Da war es meistens zu spät und der Besitzer einer anderen Hand ist drangekommen (und hat irgendeinen Blödsinn gequatscht).

Introvertierte beleuchten einen Sachverhalt von allen Seiten und versuchen, etwas Wertvolles beizutragen.

Das ist einer der Gründe, weshalb wir eher mit Freddy Krueger nachts spazieren gehen würden, als ein Telefongesprächzu führen. Da müssten wir ja spontan und schnell die perfekte Antwort aus unserem Hirn kramen. Ein Telefonat ist unvorhersehbar und nicht planbar.

Telefonieren: Schreckgespenst der introvertierten Selbstständigen
Telefonieren: Schreckgespenst der Introvertierten

Schwierigkeiten für introvertierte Selbstständige

Kunden und Kontakte

Bist du selbstständig, brauchst du Kunden. Das sind diese seltsamen Wesen mit den Problemen und dem Geld in der Tasche. Deshalb müssen wir irgendwie mit Kunden in Kontakt treten, damit wir ihnen helfen. Telefonieren oder einfach so auf Menschen zugehen und fragen, ob sie mit uns zusammenarbeiten wollen? Sicher nicht!

Es gibt eine Lösung: Die Erfinder der Heiligen Drei Kommunikationskanäle E-Mail, Social Media und WhatsApp müssen introvertiert gewesen sein. Was würden wir nur ohne euch tun. Das macht es leichter, introvertiert und selbstständig unsere Botschaft zu vermitteln.

Introvertierte wollen alles selber machen

Besonders Solopreneure erledigen zu Beginn der Selbstständigkeit alles alleine (wir mögen das ja). Warte aber nicht zu lange, bis du Dinge auslagerst. Da Reizüberflutung unsere Achillesferse ist, geht uns rasch die Puste aus bei all den Pflichten. In einer digitalen Welt musst du Aufgaben deines Unternehmens nicht mal an Menschen abgeben. Es gibt jede Menge Tools und Systeme, die uns helfen und weniger als ein Netflix-Abo kosten.

Fokussiere dich auf deine Stärken und lass dir nicht einreden, dass du Telefonakquise betreiben oder von einem Netzwerktreffen zum nächsten hetzen musst. Wenn diese Dinge nicht für dich funktionieren und du sie ständig machst, bist du ausgelaugt und demotiviert. Es gibt Marketing für leise Menschen, wie das Content Marketing.

Introvertierte denken Dinge zu Tode

Wir lieben sie: Ideen, Gedanken, Tagträume. Und oft denken wir so viel über eine Idee nach, dass wir uns im Kreis drehen, bis uns schwindlig wird. Wir beleuchten sie von allen Seiten, stellen sie auf den Kopf und fangen wieder von vorne an. In der Zeit TUN andere Selbstständige, während wir überlegen, ob wir die verdammte Facebook-Werbung schalten sollen oder nicht.

Ist es schon mal vorgekommen, dass ich an einer E-Mail eine Stunde gebastelt habe, nur um sie dann in den Papierkorb zu schmeißen? Ja. Wäre die Welt untergegangen, wenn die Nachricht nicht meinen hohen Ansprüchen genügt hätte? Ja, selbstverständlich. 😉

Wir sind Denker und keine Macher. Blöderweise gibt es wenige Menschen auf der Welt, die es schaffen, mit reinem Denken ihr Geld zu verdienen. Ohne Handeln keine Kunden. Perfekt gibt’s nicht. Du kannst Dinge nur besser machen, wenn du sie testest und probierst.

Selbstbild und Fremdbild

Introvertierte unterschätzen sich und ihre Fähigkeiten liebend gerne. Vor einem Rhetorikkurs an der Uni war ich so nervös, dass ich am liebsten aus dem Fenster gesprungen wäre. Wir sollten ja schließlich vor anderen sprechen und uns den Kram dann per Videoaufnahme ansehen. Aus die Maus, das ist der Weltuntergang, Sauron hat gesiegt!

Wir haben uns das Video angesehen und ich wirkte gar nicht nervös, sondern locker und kompetent. Wenn wir ehrlich sind, ist dieses negative Selbstbild ganz schön ichbezogen. Wir beschäftigen uns so viel mit unseren klitzekleinen Fehlern, die anderen nicht auffallen.

Introvertiert und Selbstständig

6 Tipps für introvertierte Selbstständige

1. Akku aufladen

Plane regelmäßig Ruhephasen ein und gibt deinen Batterien neuen Saft. Du kennst das sicher, dass dich ein Geistesblitz in der Dusche oder beim frische Luft Schnuppern trifft und nicht, wenn du krampfhaft vorm PC-Bildschirm hockst.

2. Finde Menschen, die dich verstehen

Ja, sogar du als Introvertierter magst Kontakt zu Menschen. Wir alle sind soziale Wesen und halten es nicht länger als ein paar Tage alleine aus, egal ob introvertiert oder extravertiert. Und wenn du Leute findest, denen beim Gedanken an ein Telefongespräch genauso schlecht wird wie dir, umso besser. Das heißt nicht, dass du nicht mit Extravertierten reden darfst. Aber umgib dich nicht mit Personen, die dir sagen, dass du dich nicht so anstellen sollst oder dass dein Marketing kreischbunt und laut wie ein Presslufthammer sein muss.

3. Finde dein Alleinstellungsmerkmal

Mach die Introversion zum Teil deines unique selling points. Es gibt Kunden, die so ticken wie du, und aus diesem Grund mit dir arbeiten wollen. Ich habe mir zum Beispiel meine Fotografin ausgesucht, weil mir ihre Bilder gefallen haben und sie auf ihrer Website schreibt, dass sie kein Mensch der großen Worte ist, und deshalb lieber Fotos schießt. Mir war komplett egal, wie viel Erfahrung sie hatte oder wie viel eine Stunde bei ihr kostet.

By the way: Ein Fotoshooting ist das Unnatürlichste im gesamten Universum. So tun, als ob man lockerflockig dasitzt, superzufällig an der Rose schnüffelt, lächelt, bis die Mundwinkel vor Krämpfen zittern und das mit meinem resting bitch face?!?

4. Lass dich nicht von Neunmalgscheiten entmutigen

Dir sagt jemand, du kannst nicht selbstständig sein, weil du ja „nie mit anderen reden willst“? Blödsinn. Solche Sätze von Mitmenschen hörst du seit deiner Kindheit. Wenn wir sie immer wieder hören, verankern sie sich im Unterbewusstsein. Sie werden zu unseren Glaubenssätzen und es ist schwer, die kleinen Monster loszuwerden. Hör nicht auf sie. Wir reden gerne mit Menschen aber bitte ohne drögen Smalltalk und mit sinnvollen Gesprächen.

5. Finde heraus, wann du am besten arbeitest

Egal ob Lerche, Eule oder ein brutzelnder Phönix: Du entscheidest, wann du dich an den Arbeitsplatz setzt. Brauchst du zuerst ein Morgenritual samt Kaffee, Klimmzügen und Käsekuchen oder fängst du sofort mit der Arbeit an? Es liegt an dir. Du musst nicht durchs Biotief durcharbeiten, sondern kannst vorher aufhören oder danach noch einmal ran. Klar, Gespräche mit Kunden kommen zur Geisterstunde weniger gut an (es sein denn, deine Kunden sind Gremlins). Ich rate ohnehin, das Telefon auf lautlos zu schalten, am besten 24 Stunden am Tag.

Introvertiert und selbstständig: Gremlins als Kunden
Füttere ihn nicht nach Mitternacht!

Niemand kennt deinen Rhythmus so gut wie du. Ich bin keine Frühaufsteherin, will aber auch nicht erst mittags mit der Arbeit beginnen. Ich ziehe mir den Tag in die Länge: Zwischen der Arbeit am PC gehe ich mit Hündin Pixie spazieren, koche und esse in Ruhe, lese, sauge Pixies Haare vom Teppich (und von der Couch). Mein Biotief ist irgendwann zwischen 15:00 und 18:00 Uhr, dafür bin ich von 20:00 bis 22:00 Uhr nochmal hellwach und die Finger flitzen über die Tastatur (Fun Fact: Diese Zeilen wurden um 21:09 verfasst).

6. Höre auf deine Intuition

Lerne von anderen, ohne deren Systeme 1:1 zu kopieren. Adaptiere die Prozesse deiner Gurus, damit sie optimal in ein eigenes System passen. Viele Blogger verfassen ihre Artikel in drei Tagen. Ich mache daraus einen 4-Tages-Prozess. Ich schreibe wenige, lange Beiträge, die sich ausführlich mit einem Thema oder einer Fragestellung befassen. Bei zwei oder gar nur einem Tag würde mich die Menge erschlagen.

Das Bauchgefühl hält dir bei einer Kundin Stoppschilder und blinkende Warntafeln vors Gesicht? Hör darauf. Intuition ist kein Hokuspokus mit Feenglitter verziert. Intuition ist unterbewusstes Wissen, das auf Erfahrung basiert. Gehirne sammeln im Laufe eines Lebens einen Haufen Sinneseindrücke und speichern sie im Unterbewusstsein ab. Ist unsere Intuition aktiv, denken wir nicht bewusst nach, wie wir eine Entscheidung treffen. Das erledigt Helferlein Unterbewusstsein für uns.

Introvertierte in Führungspositionen

Viele der Tipps bis jetzt waren vor allem für Solopreneure im Homeoffice oder kleine Teams. Was, wenn du eine Schar Mitarbeiter unter dir hast?

Introvertierte sind für Führungspositionen bestens geeignet.

Ellenbogen raus, rhetorisch perfekt getrimmt, schafft knallhart an und hat immer verschränkte Arme auf Fotos (wirklich immer, weil sooo seriös): So stellt man sich Leute in Führungspositionen vor. Viele entsprechen dem Klischee, das macht sie aber nicht zu besseren Chefs.

Als Introvertierter hörst du Menschen zu und wartest nicht, bis dein Gegenüber Luft schnappt, damit du ihm ins Wort fallen kannst. Du hörst aktiv zu und schlichtest dank deines Mitgefühls Unstimmigkeiten, weil du dich in beide Parteien hineinversetzt.

Du bist zuverlässig, planst gerne und bist pünktlich. Für Sorgen und Wünsche hast du immer ein Ohr frei.

Du verbreitest keine heiße Luft. Wenn du den Mund aufmachst, kommen wertvolle Wortmeldungen heraus. Deine Mitarbeiter schätzen, dass du sie nicht volllaberst.

Nur weil du leise bist, heißt das nicht, dass du kein Selbstbewusstsein hast. Oft liegt in der Ruhe die Kraft und manchmal sind unsichere Menschen am lautesten, weil sie von ihrer Schwäche ablenken.

Du bist sensibel und selbstkritisch und glaubst niemals, dass dein Weg der einzig richtige ist. Sprechen die Zeichen gegen deinen Weg, nimmst du Vorschläge aus dem Team dankend an.

Fazit

Solo im Homeoffice, Teil eines Start-ups oder Chef eines großen Unternehmens: Introvertiert und selbstständig sein ist kein Hindernis.

Erkenne und anerkenne deine Stärken. Du musst nicht extravertiert werden, um erfolgreich zu sein. Das geht gar nicht. Aber die Komfortzone musst du hin und wieder verlassen. Weiterentwicklung: ja. Verstellen und verbiegen: nein.

Bist du introvertiert, extravertiert oder eine Mischung? Wie schaut deine Komfortzone aus? Ist sie ausgelegt mit rosa Plüschhasen oder ein Sarg mit violettem Satin? Schreibe es in die Kommentare.