Am 26. 3. 1997 begingen 39 Anhänger der Sekte Heaven’s Gate Massensuizid. Der Auslöser war ein schnuckliger, unschuldiger Komet namens Hale-Bopp.

UFOs und Jesus im Geiste vereint

Marshall Applewhite und Bonnie Nettles gründeten Heaven’s Gate in den Siebzigern. Sie lernten sich kennen, als sie vor den Scherben zweier zerbrochener Ehen saßen. Die gescheiterten Ehen, ein Interesse an UFOs und Aliens und die Suche nach Sinn im Leben verbanden die beiden zu einem dynamischen Duo. Sie fühlten sich wie Außenseiter, die nicht von dieser Welt waren. Sie wollten wie E.T. nach Hause telefonieren.

Die Wurzeln der Bewegung sind im Christentum zu finden. Der Glaube an UFOs, Aliens und Co. vereinte nicht nur Nettles und Applewhite in den Siebzigern. Die erste Mondlandung samt Menschen im Gepäck war ein paar Jahre her, Filme wie 2001 und Star Wars erschienen nicht als crazy Science-Fiction, sondern als bald gelebte Realität.

Heaven’s Gate war eine christliche Sekte, gepaart mit einem Glauben an Aliens und deren Überlegenheit in einem göttlichen Ausmaß. Nettles und Applewhite waren überzeugt, Gottes Botschafter zu sein. Sie sahen sich als Aliens, die humane Form angenommen hatten, um den Menschen den Weg zu spiritueller Erleuchtung zu zeigen.

Das Versprechen: Schließe dich unserer Bewegung an und du fliegst mit einem UFO in eine bessere Welt.

Wir fragen uns: Wie kann man so etwas glauben? Wie kann man dafür willentlich das eigene Leben herschenken, nur weil dir ein Typ mit großen Glubschaugen und geschorenem Kopf das erzählt?

Auch wenn die Gruppe keine Massenbewegung war, Mitglieder für die Gemeinschaft zu finden war kein Problem. Viele bestanden aus Überbleibseln der Hippiebewegung oder waren vorher Teil von alternativen religiösen Gruppen. Immer auf der Suche nach Sinn und Wir-Gefühl.

Mit der Zeit isolierte sich die Gruppe mehr. Ein Merkmal jeder Sekte: Wir gegen den Rest der Welt, um der Welt zu helfen. Sie schotteten sich ab, auch von ihren Familien, und hassten die Medienaufmerksamkeit, die sie bekamen.

Das Leben in Isolation unter Applewhites starrenden Augen war nicht immer friedlich und spirituell. Selbst Mitglieder, die noch in Kontakt mit ihren Familien standen, durften sie nur zu streng limitierten Zeiten anrufen.

Sexualität war in Applewhites Augen böse, weshalb er sexuelle Beziehungen zwischen Gruppenmitgliedern nicht duldete. Er ging so weit, sich kastrieren zu lassen. Einige männliche Mitglieder folgten seinem Beispiel. Er wollte nicht, dass sich seine Anhänger durch menschliche Gelüste ablenken. Sie hatten eine Mission zu erfüllen: die Erde verlassen.

Kernelement der Lehren von Nettles und Applewhite war der Glaube, dass Menschen den Tod wie Jesus überwinden können. Das war in ihren Augen dringend nötig, weil die Erde kurz vor der Apokalypse stand. Oder wie sie es nannten: Die Erde wird recycelt. Um dem Recycleprozess zu entgehen, brauchten sie ein Uber-Fahrzeug, das sie auf ihren ursprünglichen Heimatplaneten zurückbringt.

Nettles starb 1985 an einer Krebserkrankung, bevor die beiden ihr ambitioniertes Projekt beenden konnten. Applewhite war in einer Zwickmühle gefangen. Wie konnte eine Botschafterin Gottes bitteschön an Krebs sterben?

Was ist mit Heaven’s Gate passiert?

Applewhite brauchte einen Ausweg. Die Mitglieder hatten sich jahrelang auf das erlösende Ereignis vorbereitet, ohne zu wissen, was das eigentlich war. Die Erde verlassen ist eine vage Mission. Wie und wann war es endlich soweit?

Hale-Bopp war der perfekte Ausweg. Applewhite konnte seinen Anhängern ein konkretes Enddatum und den Plan zur Erfüllung der Mission geben. Der Komet besucht die Erde schließlich nicht alle paar Jahre. Nein, er war ein willkommenes, seltenes Phänomen, das ein Zeichen für den Exit war.

Ab Oktober 1996 mietete die Gruppe ein Haus in Kalifornien, um sich auf Hale-Bopp vorzubereiten.

Applewhite erzählte seinen Anhängern, dass sich hinter Hale-Bopp, der der Erde 1997 sehr nahekam, ein Raumschiff befinde. Der Komet sei das Signal, dass sie in das Raumschiff einsteigen müssen. Es würde sie in die Unendlichkeit bringen.

Er überredete 38 Mitglieder, mit ihm gemeinsam Suizid zu begehen, um das Raumschiff zu betreten. Ein paar Tage vor dem Suizid nahm Applewhite Videos auf, in denen er erklärt, dass sie jetzt endlich dort zurückkehren, wo sie hergekommen waren. Alle nahmen Abschiedsnachrichten auf Video auf.

Der Tod der Gruppenmitglieder erfolgte durch einen Cocktail aus Wodka mit Apfelsauce oder Pudding, Schlaftabletten und Ersticken mit schwarzen Plastiksäcken über dem Kopf.

Alle Opfer hatten einen buzz cut (kurz geschorene Haare) und trugen einheitliche Kleidung: Schwarze T-Shirts und Jogginghosen, schwarz-weiße Nike-Turnschuhe und Aufnäher, auf denen geschrieben stand „Heaven’s Gate Away Team“.

Eine der vielen Star-Trek-Anspielungen, die die Sekte durchziehen. Das Away Team war das Außenteam der Serie, das sich nicht an Bord des Schiffes befand, sondern Missionen auf einem Planeten erledigte. Intergalaktische Außendienstler.

Alle Mitglieder hatten eine 5-Dollar-Note und 3 Quarters bei sich und lagen in Stockbetten. Nach dem Tod entfernten lebende Mitglieder die Plastiksäcke von den Köpfen der Opfer und bedeckten sie mit purpurroten Tüchern.

Nicht alle Anhänger von Heaven’s Gate starben. Es gibt zwei Mitglieder, die die alte Website aus den Neunzigern bis heute betreuen. Mit kreischbunten Fonts und den Lehren von Applewhite und seinen Schülern.

Heaven’s Gate in der Popkultur

Es gibt nicht viele Medien, die sich seit dem Massensuizid intensiv mit Heaven’s Gate beschäftigt haben. Zur der Zeit, als die Gruppe aktiv war und kurz nach dem Tod der Mitglieder, hatten sie mit deutlich mehr Medienrummel zu kämpfen.

Heaven’s Gate hatte nie viele Anhänger und aktive, größere Sekten wie Scientology verdrängten das kleine Heaven’s Gate im medialen Interesse.

Website: Das Schlüsselloch, die bunten Farben, der „RED ALERT“ Schriftzug am Beginn. Und wenn du willst, kannst du die Lehren, Missionsziele, Videoprotokolle und Exit Statements direkt auf der Website nachlesen. Oder eine Printversion für 45 Dollar kaufen.

YouTube: Egal ob Initiationsvideos, die oben erwähnten Exit Statements oder Lehrvideos: Der Kanal HeavensGateDatabase hat sie gesammelt und uns sterblichen Erdlingen zur Verfügung gestellt.

Heaven’s Gate: Das einzige akademische Buch, das sich mit Heaven’s Gate beschäftigt, wurde von Benjamin E. Zeller verfasst.

Dokumentationen über Heaven’s Gate gibt es ebenfalls auf YouTube.

Podcast: Ein Podcast dreht sich nur um Heaven’s Gate. Moderator Glynn Washington, der selbst in einer Sekte aufgewachsen ist, spricht mit Angehörigen der Opfer und überlebenden Mitgliedern, die noch immer glauben.

The Simpsons: The Joy of Sect (S9E13): Homers Abenteuer in einem Mischmasch aus Scientology, Jonestown, Neo-Sannyas, Moonies und Heaven’s Gate. Showrunner David Mirkin hat die Parallelen zu Heaven’s Gate allerdings zurückgeschraubt, weil die Folge 1998 erschien, ein Jahr nach dem tragischen Ende der Sekte.

South Park: Two Guys Naked in a Hot Tub (S3E8): Eine Party im Zuge einer Sternschnuppennacht wird von den Behörden als suizidale Sekte interpretiert. Sie wollen das Haus, in dem die Party stattfindet, stürmen, um die Menschen aus der Sekte zu befreien.

Inspiration für die Folge ist weniger Heaven’s Gate, sondern die Belagerung einer Siedlung der Branch Davidians (eine adventistische Splittergruppe) für 51 Tage durch Bundesbehörden 1993. Dabei kamen 82 Mitglieder ums Leben. Die Behörden glaubten, dass die Mitglieder Gefangene des Sektenführers David Koresch waren, und nicht freiwillig in der Siedlung lebten.

Key & Peele (S3E8): In einem Sketch von Key & Peele geht es um eine Sekte, die auf ein Raumschiff wartet, das sich hinter dem Mond befindet.

Saturday Night Live: Will Ferrell als Marshall Applewhite: Applewhite und seine Anhänger haben überlebt und befinden sich auf dem Raumschiff.

Warum ist Heaven’s Gate so faszinierend?

  • Marshall Applewhite: Charisma on Command. Für uns Außenstehende mag seine Mimik und die immer hochgezogenen Augenbrauen befremdlich wirken. Trotzdem war Applewhite charismatisch wie jeder Sektenführer. In einer Zeit, in der das Interesse an Mondmissionen und dem Weltall riesig war, ist der Gedanke an einen Alien-Jesus äußerst reizvoll.
  • Star Trek: Die Mitglieder waren große Sci-Fi-Fans. Vor allem Star Trek galt als Blaupause für die Organisation der Gruppe. Für sie war Star Trek nicht irgendeine Fernsehserie. Sie machten Star Trek zur Realität. Fun Fact: Eines der Mitglieder war Thomas Nichols, Bruder von Lt. Uhura Darstellerin Nichelle Nichols.
  • Suizid: Einen Massensuizid, wo die Opfer uniformiert und mit Tüchern über dem Kopf in Betten gefunden werden, sieht man nicht alle Tage. Bei dem Massensuizid von Jonestown sind sich Experten einig, dass der gar nicht so freiwillig war, wie uns Jim Jones weiß machen wollte. Ja, auch die Mitglieder von Heaven’s Gate waren Opfer von einer 22 Jahre langen Gehirnwäsche. Dennoch wurden sie weder bedroht noch gezwungen. Es war ihre eigene Entscheidung.
  • Website und die Betreiber: Die Website als eine im Jahr 1997 eingefrorene Zeitkapsel, verwaltet von zwei Überlebenden. Jeder hat Zugang und kann sich die Lehren und Glaubenssätze der neureligiösen Bewegung durchlesen.
  • UFO-Religionen: Heaven’s Gate ist nicht die einzige religiöse Bewegung, die Aliens als spirituelle Wesen sieht, die uns Menschen weit überlegen sind. Göttliche Merkmale werden auf Außerirdische projiziert und oft mit dem christlichen Glauben verbunden. Der Jüngste Tag steht kurz bevor und ein UFO kommt und rettet uns, ist ein Kernglaube vieler UFO-Religionen. Außerdem spielen Technik in den Sekten eine große Rolle und die Mitglieder versuchen, Wissenschaft und Religion miteinander zu versöhnen. Manchmal gehen sie so weit, dass sie dafür ihre Leben hergeben.