Promis und Thetane

Juliette Lewis, Beck, Leah Remini. Immer wenn ich erfahren habe, dass Promi xyz Teil von Scientlology war, verspürte ich ein mulmiges Gefühl. Irgendetwas stimmte nicht mit dieser Religion. Nur verstand ich nicht was. In den österreichischen und deutschen Medien immer als Sekte verschrien, wollte ich herausfinden, was es mit diesesm mysteriösen Scientology auf sich hat. Wikipedia schaffte Abhilfe. Für ein paar Absätze. Nach den Zeilen mit den Thetanen und dem bösen Xenu brach ich meine Lesereise verwirrt ab. What the Fuck?!

Für Außenstehende wäre auch ein Glaube wie der katholische zusammengefasst in wenigen Zeilen seltsam bis unglaubwürdig. Ein Wesen, das die ganze Welt in einer Woche erschaffen kann, während wir Arbeitsalltag und die eigene Familie gerade so packen. Und dann kann einer auch noch Wasser in Wein verwandeln und von den Toten auferstehen. Gruselig. Deshalb wollte ich mit Scientology nicht so streng sein. Jede Religion ist auf ihre eigene Weise zumindest schrullig. Doch seit Leah Remini Zerstörerin der Scientology-Blase ist, weiß ich, dass die Organisation einen Orden verdient hat: für die manipulativste, geldgierigste aller Sekten.

Dank Leah Reminis Show Scientology and the Aftermath kapiere ich zwei Dinge: Was Scientology ist und macht und tut und warum es all die Jahre einen bitteren Beigeschmack hinterlassen hat, sobald wieder ein Promi mit Scientology verbandelt gewesen ist.

Was ist Scientology?

Im Kern ist Scientology eine von dem Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard, kurz LRH, in den Fünfzigern gegründete Religion. LRH wollte mit seinem nicht fiktionalen Buch Dianetik die weite Welt der geistigen Gesundheit revolutionieren. Sein Scheitern war kometenhaft. Das Buch fiel bei Experten und Wissenschaftlern durch und der Autor mit dem verletzten Ego verurteilte die gesamte Psychiatrie als pures Teufelszeug.

L. Ron Hubbard brauchte eine neue Beschäftigung und so gründete er eine Religion. Warum? Lassen wir LRH selbst zu Wort kommen: “You don’t get rich writing science fiction. If you want to get rich, you start a religion” soll er mal gesagt haben. Ob ihm dieses Zitat bloß angedichtet wurde oder er diese Worte tatsächlich geäußert hat, nobody knows. Tatsache ist: Bist du eine Religion, hast du Steuer- und oft Narrenfreiheit. Du musst dem Staat nix zahlen und kannst machen, was du willst. Denn Verbrechen aller Arten werden intern geregelt.

Aber die Steuerbefreiung ist nicht die einzige Möglichkeit, ein Vermögen aufzubauen. Scientology verlangt einen Haufen Geld von den Mitgliedern, um sich die sogenannte Brücke hochzuarbeiten. Diese soll irgendwann, also nach Jahrzehnten und mehreren hunderttausend Dollar, zur Erleuchtung führen. Die Scientologen können dann unter anderem die Gedanken von uns niederen Menschen lesen.

Auch wenn die Mitgliederanzahl auf ein paar wenige zehntausend Menschen geschrumpft ist, diese Organisation hat irrsinnig viel Geld und kauft ein protziges Gebäude nach dem anderen. Damit die lieben Schäfchen auch sehen, dass sich die Religion ausweitet. Warum würden sie sonst so viele Gebäude kaufen? Blöd nur, dass diese Gebilde leer stehen. 

Jetzt könnte man argumentieren, dass ja die Mitglieder selber schuld sind und sie jederzeit aussteigen können. So einfach ist es eben nicht. Zum einen sind viele Scientologen in die Sekte hineingeboren worden. Sie kennen nichts anderes und haben von Geburt an in dieser Blase gelebt. Zum anderen ist es erstaunlich schwierig, Scientology zu verlassen, auch wenn die Mitglieder zum Teil schwere psychische und physische Schäden davontragen.

Ein Artikel des Enthüllungsjournalisten Richard Behar sorgte 1991 im Time Magazin für Rumoren. Mit dem sympathischen Namen The Thriving Cult of Greed and Power beschreibt sein Artikel die Praktiken der sogenannten Kirche. Doch Richard Behar hat nur den Anfang gemacht. Heute beschäftigen sich viele Medien mit der Sekte.

Scientology in der Popkultur

Leah Remini: Scientology and the Aftermath

Alles was du über Scientology wissen willst, findest du in dieser großartigen A&E-Dokuserie von Ex-Mitglied Leah Remini. Zusammen mit Mike Rinder, einem ehemaligen hohen Tier in Scientology, hat sie es sich zur Aufgabe gemacht die Sekte, als das zu enttarnen, was sie ist: eine skrupellose Geldmachmaschine. Eine Maschine, deren momentanes Oberhaupt David Miscavige seine Untertanen verprügelt und seine eigene Ehefrau weggesperrt hat. Eine Organisation, die von ihren Mitgliedern verlangt, nie wieder mit einem Ex-Mitglied zu sprechen, das auch nur die leiseste Kritik äußert, selbst wenn es die eigenen Kinder sind. Einer Religion, die Kinder nicht wie Kinder behandelt, weil sie ja nur wiedergeborene Thetane in einem kleinen Körper sind. All das und noch viel mehr ist in der mit einem Emmy gewürdigten Serie zu sehen. Und wie reagieren die Scientologen? So wie es ihnen L. Ron Hubbard vor Jahrzehnten aufgeschrieben hat: Mit Spionage und Hetzkampagnen inklusive Hasswebsites gegen die ehemaligen Mitglieder.

Going Clear: Scientology and the Prison of Belief

Ein paar Jahre zuvor haben das Buch von Lawrence Wright und die gleichnamige Dokumentation von Alex Gibney einige dieser Themen aufgegriffen. Ähnlich wie in der A&E-Serie kommen ehemalige Mitglieder zu Wort und erzählen von ihren Leben in der Kirche. Zum Beispiel wird von „The Hole“ berichtet, einer Art Gefängnis für hochrangige Mitglieder, die sich danebenbenommen haben. Manche haben hier Jahre verbracht, mussten erniedrigende Aufgaben erledigen, wie das Reinigen des Badezimmers mit der Zunge, oder wurden von David Miscavige höchstpersönlich vermöbelt. Auch diese Doku hat mehrere Emmys gewonnen. Und wie hat Scientology reagiert? Siehe oben.

Leah Remini: Troublemaker: Surviving Hollywood and Scientology

Der Prototyp zu Scientology and the Aftermath. Leah erzählt von ihrem Leben in der Sekte und wie sie viele Stunden mit Auditing (Scientologe hält zwei Elektroden eines unwissenschaftlichen Lügendetektors in den Händen und wird stundenlang befragt/verhört) und Bücher büffeln neben ihrer Schauspielkarriere verbracht hat. Ihr Ausstieg aus der Organisation hat für viel medialen Rummel gesorgt und das Buch erst recht.

South Park: Trapped in the Closet

Viele Menschen machten dank South Park Bekanntschaft mit Xenu, dem galaktischen Herrscher, der vor 75 Millionen Jahren seine eigenen Leute auf der Erde verstreut und sie dann mit Wasserstoffbomben in die Luft gesprengt hat. Die Überbleibsel sind die Thetane, die jetzt menschliche Körper bewohnen. Nur durch Auditing und einer Menge Bargeld kann man die Thetane wieder los werden. Hurra!

Die meisten Scientologen kommen gar nicht in den Genuss, von Xenu zu erfahren. Seine Geschichte wird erst in den höheren Ausbildungsstufen preisgegeben und es kostet viel, viel Geld auf diese Stufe zu kommen. Außerdem wird den Mitgliedern, die von Xenu wissen, gesagt, dass sie den Herrscher auf keinen Fall erwähnen dürfen, denn die Gehirne von uns Normalos seien nicht dazu bereit. Wir würden tot umfallen oder zumindest furchtbar krank werden.

Fun Fact: Aus diesem Grund ist Isaac Hayes, Stimme von Chefkoch und Scientologe, aus South Park ausgestiegen. Trey Parker und Matt Stone seien zu weit gegangen. Typische Scientology-Methode: Austeilen aber niemals einstecken. Wer mehr hinter die Kulissen der Folge sehen will, besucht am besten das Planearium.

Blogs und YouTube

Ich möchte zwei Blogs hervorheben, die sich rund um die Uhr mit dem Thema Scientology beschäftigen. The Underground Bunker vom Journalisten Tony Ortega und Mike Rinder’s Blog, wo Leah Reminis Co-Star täglich schreibt.

Es gibt auf YouTube sehr informative Kanäle von Ex-Mitgliedern. Chris Shelton, Ron Miscavige (Vater von David Miscavige) und Growing up in Scientology.

Filme

Ein von Scientology inspirierter Film ist The Master von Paul Thomas Anderson. Das schauderhafte Battlefield Earth von Roger Christian mit seinen Dutch Angles hat mit Scientology nur insofern zu tun, als es eine Verfilmung eines Buches von LRH ist. Das ebenso grausige After Earth von the one and only M. Night Shyamalan verwendet zumindest Kernthemen von Scientology.

Bücher

Weitere Bücher rund um das Thema sind Ruthless: Scientology, My Son David Miscavige, and Mevon Ron Miscavige höchstpersönlich, Blown for Good: Behind the Iron Curtain of Scientologyvon Marc Headley über seine Flucht aus Scientology auf einem Motorrad und Scythe Tleppo: My Survival of a Cult, Abandonment, Addiction and Homelessness von Nathan Rich, der die Brutalitäten auf einer Scientology-Farm gleich zwei Mal überleben musste, nur um dann jahrelang auf der Straße zu leben.

Warum ist Scientology so faszinierend?

  • Zusehen, wie die Sekte vor unseren Augen zerbröselt. Zugegeben, David Miscavige und Co. haben reichlich Moneten und Geldspender, um der Bude eine Weile das Licht anzulassen. Früher oder später wird die Organisation trotzdem in sich zusammenfallen, wenn man bedenkt, wie viele Menschen die Sekte verlassen und so gut wie niemand nachrückt.
  • Ein fast perfektes System. LRH ist eine Art evil genius. Mit all seinen Regeln, die er in seinen Schriften aufgestellt hat, ist es beinahe unmöglich zu gehen. Wenn du flüchtest oder dich gegen die Kirche stellst, bist du eine suppressive person und kannst womöglich nie wieder mit deiner Familie oder deinen Freunden sprechen. Diese und weitere Gehirnwäschemethoden lassen dich in der Blase sitzen. Warum hauen heute trotzdem so viele Menschen ab? Unter anderem dem Internet sei Dank. Auch wenn sich viele Scientologen nicht trauen, kritische Berichte zu lesen, oft siegt die Neugierde und pflanzt die ersten Samen des Zweifels an ihrer Religion in ihren Köpfen. So geschehen bei Ron Miscavige wegen eines Kindles, den ihm sein Sohn geschenkt hat. Und plötzlich hatte Papa Ron Zugang zu Information.
  • David Miscavige und sein Verhalten. Auch wenn psychologische Ferndiagnosen immer mit Vorsicht zu genießen sind: Viele beschreiben ihn als Soziopathen (auch sein Vater verweist darauf in seinem Buch). Zu Davids Lieblingsbeschäftigungen zählen seine Bromance mit Tom Cruise, Scientologen verprügeln und allgemein sich wie ein Tyrann aufführen.
  • Die Serie von Leah Remini. Und dass sie einen Unterschied macht. Auch wenn Leah das Biest Scientology nicht alleine zu Fall bringen kann, zeigt sie schonungslos die Kriminalität dieser Organisation und dass Menschen dank der Serie Scientology verlassen. Daraus entstand auch die Aftermath Foundation, die Menschen dabei hilft auszusteigen. Vor allem die Sea Org Members, die Elitetruppe, haben nach einem Ausstieg kein Geld und keine Wohnmöglichkeit. Sie widmen ihr gesamtes Leben der Kirche und arbeiten locker 16 Stunden pro Tag.
  • Die wahnsinnig sympathischen Ex-Mitglieder: Hand heben, wer geglaubt hat, dass Ex-Scientologen ein bisschen crazy sind. Eigentlich sind sie alle liebenswürdige und intelligente Leute. Alle haben ihre eigene Geschichte zu erzählen, dennoch haben sie viele Kernthemen gemeinsam. Sobald sie sich kritisch gegen die Kirche äußern, werden sie postwendend von Scientology attackiert. Deshalb ist es umso mutiger, dass sie sich vor die Kamera stellen und von ihrem Leben in der Kirche erzählen.