Am 18. November 1978 starben 909 Menschen in Jonestown, Guyana. So hörte das Paradies auf Erden auf, zu existieren. Mit bunter Getränkepulverlimonade.

Jim Jones und der Peoples Temple

Der aus dem ländlichen Indiana (USA) stammende Jim Jones hatte eine Vision. Der Himmel soll schon auf der Erde existieren und nicht erst, wenn man zu Kompostmaterial wird. Für alle. Egal welche Hautfarbe, egal welche Herkunft. Jones setzte sich für Randgruppen ein, beschaffte ihnen Arbeit, kümmerte sich um Obdachlose und alte Menschen. Alles im Namen Gottes. Eine Art sozialistisch-kommunistisches Christentum. Er fand in den Fünfzigern und Sechzigern rasch Anhänger jeder ethnischen Herkunft und versammelte sie unter einem Dach. Sein Geheimrezept? Pragmatik.

Jones zeigt seiner gläubigen Gemeinde, dass sie keine Angst vor Gott haben müssen. Er schnappt sich eine Bibel und wirft sie durch die Kirche. Totenstille im Peoples Temple. Wie bestraft Gott Jim Jones für diese Blasphemie? Gar nicht. Kein göttlicher Blitz, apokalyptische Reiter oder übergewichtige Engel mit Posaunen.

Und dann erlebt eine alte Frau im Rollstuhl eine wundersame Heilung. Sie steht auf, geht, sprintet den Gang der Kirche entlang. Die Menschen drehen durch, als hätten sie zum ersten Mal die Beatles gesehen. Dass die gebrechliche Dame unter der Leitung vom puppet master Jim Jones nur geschauspielert hat, bemerkt niemand. Die Mitglieder des Peoples Temple haben das Kool-Aid schon lange vor Guyana getrunken.

Nicht nur metaphorisch. Jones testet die Loyalität seiner Schäfchen in Kalifornien, indem er ihnen vergifteten Punsch zu trinken gibt. Wieder ist es eine Scharade. Der Punsch ist nicht vergiftet, Jim Jones übt für den Ernstfall. Seine Anhänger folgen ihm blind. Bis in den Dschungel.

Der Peoples Temple war das Gegenstück zur politischen Korruption der Siebziger im restlichen Land und Jim Jones war dessen Gott. Wir gegen den Rest der Welt. Die Lösung, wenn der Staat uns nicht akzeptiert? Wir bauen unser Paradies woanders.

Was ist in Jonestown passiert?

Jonestown. Eine Stadt gebaut mitten im Dschungel von Guyana. Die Flucht von der Hölle USA ins Paradies. Dieser Garten Eden entpuppte sich als Spielwiese für Jones‘ Tyrannei.

Ein Weg, die Bewohner zu kontrollieren, ist das Lautsprechersystem, aus dem Jim Jones‘ Stimme 24 Stunden lang zu hören ist. In der gesamten Stadt. Egal ob du am Feld arbeitest, das geerntete verspeist oder es auf dem Klo ausscheidest: Jim Jones Radio sendet 24 Stunden. Schlaf? Brauchen wir nicht. Sieht so Utopia aus?

Prügel für die Mitglieder, die sich in seinen Augen daneben verhalten. Du willst Jonestown verlassen? Blasphemie. Deine Familie und Freunde verpetzen dich. Du verlässt Jim Jones nicht einfach.

Derweil in den USA: Der Kongressabgeordnete Leo Ryan wird auf Ex-Mitglieder aufmerksam, die Jim Jones‘ Bullshit und seine Gefährlichkeit durchschaut haben. Ryan fliegt nach Guyana, um sich selbst ein Bild zu machen. Jones und die Mitglieder begrüßen Ryan, seine Crew und einige Reporter feierlich. Hinter all den lachenden und singenden Gesichtern stecken einige Mitglieder Ryans Leuten Zettelchen zu, auf denen steht, dass sie Jonestown verlassen wollen und dass sie sie aus dem Paradies rausholen sollen. Die Reporter konfrontierten Jones mit den zugesteckten Zetteln. Jones bezeichnet sie als Lügner und dass sie nur Aufmerksamkeit wollen.

Jones‘ Paranoia wächst. Er hat in Leo Ryan und den Reportern ein weiteres Feindbild gefunden. Als Ryan Jonestown verlassen will, erschießen Jones‘ Handlanger Ryan und einen Großteil seines Teams.

Jones nimmt dieses Ereignis zum Anlass, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Er redet den Mitgliedern ein, dass Ryans Tod Konsequenzen haben werde. Man tötet nicht einfach einen Politiker und kommt damit davon. Der einzige Weg sei der Tod. Wenn wir nicht in Frieden leben können, dann sterben wir in Frieden. Die bewaffneten Bewohner von Jonestown, die kurz zuvor Ryan und sein Team erschossen haben, kreisen jetzt die Gemeinschaft ein und versperren ihr den Weg.

Die Mitglieder beginnen, ihre Kinder mit Zyankali zu vergiften. Dann sind die Erwachsenen dran. Sie trinken das Gift gemixt mit Limonade. Im Hintergrund die predigende Stimme von Jim Jones. Er stirbt durch einen Kopfschuss. Ob er diesen selbst betätigt hat oder nicht, ist unbekannt.

Jonestown in der (Pop)Kultur

Es gibt so viele Künstler, die sich mit dem Thema Jonestown beschäftigt haben, Jim Jones wäre stolz auf den Bekanntheitsgrad seines Vermächtnisses. Ich beschränke mich auf einige wenige. Einen detaillierten Überblick gibt es in diesem Archiv.

Bezeichnend für die Bekanntheit des Massakers: „Drinking the Kool-Aid“ ist eine bis heute gängige Metapher im englischen Sprachgebrauch. Bedeutung: Sich einer Idee oder Ideologie bedingungslos verschreiben. Wahrscheinlich tranken die Menschen Flavor Aid mit Zyankali, quasi das Konkurrenzprodukt zu Kool-Aid. Beide Getränkepulver waren in Jonestown, aber „Drinking the Kool-Aid“ rollt geschmeidiger von der Zunge als „Drinking the Flavor-Aid.

Außerdem gibt es eine Verschwörungstheorie zu Jim Jones. Jonestown war ein Experiment der CIA mit Fokus auf Bewusstseinskontrolle. Quasi ein MK ULTRA außerhalb von Laborbedingungen. 

Dokumentationen

Jonestown: The Life and Death of Peoples Temple: Eine Dokumentation von Stanley Nelson von 2006, die vorher nie gesehenes Material und Interviews mit Überlebenden zeigt.

Jonestown: Paradise Lost: Das Dokudrama erschien ein Jahr später auf dem History Channel und spielt die letzten Tage in Jonestown nach.

Jonestown: Terror in the Jungle: Eine vierteilige Dokuserie (2018) zum 40. Jahrestag des Massakers. Die Serie basiert auf dem Buch The Road to Jonestown: Jim Jones and the Peoples Temple von Jeff Guinn.

Filme

Wie entwerfen Produzenten einen Film, der sich um Jonestown dreht? Wird es ein packendes Drama, das garantiert den Oscar einheimst oder eine Liebesgeschichte mitten in der Sekte? Wie wäre es mit einer schwarzen Komödie? Nein. Zum Thema Jonestown findet man hauptsächlich Exploitations-, Found-Footage- und Horrorfilme.

In dem mexikanischen Film Guyana: Crime of the Century von 1979 folgt Regisseur René Cardona Jr. den Ereignissen von Jonestown mit minimalen Veränderungen. Wir befinden uns in Johnsontown, angeführt von Reverend James Johnson, der seine in erster Linie weiße Gemeinde in den Tod führt.

Ein Jahr später folgt mit Mangiati vivi! (Lebendig gefressen) eine italienische Perle von Umberto Lenzi. Plot: Sheila sucht ihre Schwester Diana, die sich einer Sekte im Dschungel angeschlossen hat. Sektenalphatier Jonas vergewaltigt Sheila mit einem Dildo getränkt in Schlangenblut, eine seiner vielen Abscheulichkeiten. Sie und ihr Companion Mark finden Diana, nehmen ein weiteres Vergewaltigungsopfer, Mowara, in ihre Obhut und flüchten in den Dschungel. Dort warten ein paar hungrige Kannibalen und zerstückeln Diana und Mowara. Halt! Ihr habt es erraten: Diana wird vorher vergewaltigt. Nach der Zerteilung werden die beiden Frauen verspeist. Deus ex machina in Form eines Helikopters bringt Sheila und Mark zurück nach New York. Mahlzeit!

Bei The Sacrament (2013) haben sich zwei Experten des Horrorgenres zusammengetan und eine Found-Footage-Version von Jonestown kreiert. Ti West auf dem Regiestuhl und Eli Roth als Produzent. Sie holen die Geschichte rund um das Massaker in die Gegenwart, wo eine Filmcrew mehr über das utopische Eden Perish und dessen Anführer herausfinden will.

In The Veil (2016) von Phil Joanou ist der Anführer lose an Jim Jones angelehnt und erzählt eine Geschichte 25 Jahre nach einem Jonestown ähnlichen Massaker. Wer Jessica Alba in einem gruseligen Haus herumrennen sehen will, sollte sich den Film ansehen.

TV

The Simpsons: The Joy of Sect (S9E13): Diese Folge der Simpsons passt auch zu anderen Sekten, die ich in der Artikelserie behandle. Homer gerät in die Fänge einer Sekte, die ein bunter Mix aus Scientology, Jonestown, Neo-Sannyas, Moonies und Heaven’s Gate ist. Fun Fact: Nancy Cartwright — Stimme von Bart — ist Vollblut-Scientologin.

American Horror Story: Cult: Drink the Kool-Aid (S7E9): Der Name verrät, was in dieser Episode passiert. Eine Anführerpersönlichkeit zwingt seine Anhänger, Gift zu trinken, um ihre Loyalität zu testen. Niemand stirbt, es war ein Bluff.

Bücher

Es gibt viele Bücher zu Jonestown. Fiktion, Berichte von Überlebenden und Journalisten.

Das oben erwähnte The Road to Jonestown: Jim Jones and the Peoples Temple von Jeff Guinn zeigt uns die Sicht von außen auf Jim Jones und seinen Peoples Temple.

Stories from Jonestown bietet einen intimeren Blick auf die Ereignisse. Autorin Leigh Fondakowski reiste drei Jahre lang durch die Staaten, um ehemalige Mitglieder zu interviewen. Diese individuellen Geschichten zeigen, warum Menschen sich dieser Sekte angeschlossen haben, wie das Leben in der Organisation war und wie sie mit dem Trauma nach dem Massaker umgehen.

Beispiele für fiktionale Bearbeitungen sind Children of Paradise von Fred D’Aguiar, White Nights, Black Paradise von Sikivu Hutchinson und Beautiful Revolutionary von Laura Elizabeth Woollett.

Warum ist Jonestown so faszinierend?

  • Wie aus einer eigentlich guten Sache eine mörderische Sekte wird: Jim Jones‘ Versprechen, den Himmel für alle auf die Erde zu holen, war zu hoch gegriffen. Er wollte Rassismus, sozialer Ungerechtigkeit und Armut ein Ende setzen. Ein Ende setzte er sich selbst und seinen Anhängern. Auch wenn seine Absichten am Beginn ehrenwert scheinen, Macht korrumpiert. Immer.
  • Hohe Anzahl der Opfer: Jonestown unterscheidet sich von anderen Sekten durch die hohe Anzahl der Todesopfer. Mit über 900 setzte Jones eine besondere Duftmarke. Bis zu 9/11 forderte keine absichtliche Handlung in der neueren Geschichte so viele US-amerikanische Zivilopfer.
  • Massensuizid oder Massenmord: Auch wenn es Mitglieder gegeben hat, die sich mit Haut und Haar Jones‘ verschrieben haben, die Bewohner von Jonestown fielen einem Massenmord zum Opfer. Ein Drittel waren Kinder. Alleine dieses Drittel darf nicht zu den Freiwilligen gezählt werden. Wie können nicht mündige Menschen einem von Erwachsenen orchestrierten Suizidpakt zustimmen? Gar nicht.
  • Jim Jones‘ Gesundheit: Schwarze Haare, Schmolllippe, Sonnenbrille: Jim Jones sieht aus wie ein predigender Elvis-Imitator. Das Charisma ist groß, ebenso sein Ego. Und mit der Zeit wächst auch seine psychische Instabilität. Das ist keine Ausrede für seine Tyrannei. Die in den Siebzigern herumschwirrenden Drogen füttern seine Paranoia, Körper und Geist verfallen immer mehr. Tonaufnahmen aus späteren Jahren sind kein Vergleich zu dem einst charismatischen Prediger. Langsame, undeutliche Reden ohne Zusammenhang dominieren das 24-Stunden-Lautsprechersystem. An welchen Krankheiten Jones genau litt, ist schwer zu sagen. Er erzählte Mitgliedern, dass er an Krebs leide, wahrscheinlich eine Lüge zu Sympathiezwecken.
  • Wir basteln uns ein Paradies: Wer in Zeiten des Tumults mit einer Gehirnzelle an eine post-rassistische, ehrlich gleiche Gesellschaft glaubt, folgt dem Mann, der das alles verspricht, blind. Warum nicht? Wir brauchen weder Staat noch Gott dafür. Wir erschaffen unsere Utopie selber.